
Ist das Modell der ärztlichen Einzelpraxis im österreichischen ein Auslaufmodell?
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Die gesundheitspolitisch für Österreich wenig erfolgreiche Amtszeit der Frau BM Kdolsky ist vorüber. Das gemeinschaftliche entschiedene Auftreten der österreichischen Ärzte – Aktionstage vom Juni 2008 - hat gezeigt, daß die österreichischen Ärzte in der Lage sind, unsinnige und für die Ärzteschaft nicht-akzeptable "Reformen des Gesundheitssystems" zu verhindern.
Der neu österreichische Gesundheitsminister Alois Stöger ist ein besonnener Mann, dessen bisherige Stellungnahmen Anlaß für die Hoffnung geben, daß geplante Änderungen des Gesundheitssystems nur in Konsultation mit der Ärzteschaft initiiert werden.
Das Thema "ambulanten Versorgungszentren" (AVZs) nicht vom Tisch
Wir Ärzte sollten uns aber bewußt sein, daß aufgrund der weiterhin vorhandenen diversen Partikularinteressen damit zu rechnen ist, daß das Thema "ambulanten Versorgungszentren" (AVZs) früher oder später - vielleicht unter einem anderen Namen – wieder aufgelegt werden wird. Im Kern geht es dabei darum, den niedergelassenen Ärzten die medizinische Versorgung der Patienten aus der Hand zu nehmen und diese privatwirtschaftlich organisierten Anbietern, die die ärztliche Leistung nach dem Prinzip "wer macht das noch billiger" einkaufen, anzuvertrauen. Daß das auf guten Gründen auch von den Vertretern der Patienten abgelehnt wird, wurde andernorts schon ausreichend dargestellt.
Wir Ärzte sollten uns aber trotzdem Gedanken über unsere Praxisorganisationsformen machen. Die Frage lautet, ob die Einzelpraxis (mit oder ohne Kassenvertrag) die Praxisorganisationsform des 21. Jahrhunderts sein wird. Bei dem in den letzten Jahren exponential gewachsenen organisatorischen und administrativen Praxisaufwand stehen viele Kolleginnen und Kollegen an. Burnout ist an der Tagesordnung.
Gruppenpraxen/gemeinsamen Erwerbsgemeinschaften
Der Aspekt, ob ein Modell der mehrfarbigen Gruppenpraxen/gemeinsamen Erwerbsgemeinschaften – auch die AVZ sollten verschiedene ärztl. Fachrichtungen unter einem Dach vereinen - den Ausbau der "primärmedizinischen Versorgung" fördern oder eher schwächen würde, wurde bei den bisherigen Erörterungen des Themas ausgespart.
Aus Sicht der Allgemeinmedizin
Nachfolgend habe ich aus Sicht der Allgemeinmedizin einige Aspekte bezüglich zukünftiger Praxisorganisationsformen zusammengestellt:
1.) Sind mehrere Fachärzte in einem Zentrum verfügbar, gibt es eine starke Tendenz, dass Spezialisten und Ärzte/innen für Allgemeinmedizin (ÄFAs) vermehrt an die Spezialisten zuweisen.
2.) Ich sehe die Gefahr, dass bei einem solchen Versorgungsmodell die allgemeinmedizinische Arbeitsweisen - „abwartendes Offenlassen mit Bedachtnahme auf mögliche abwendbar gefährliche Verläufe“, „holistic modelling“ – und das Hausarzt-Prinzip in den Hintergrund gedrängt würden. Ein Beispiele wären die Diagnosestraßen quer durch die Fachrichtungen bei Schwindel, Kopfschmerzen, etc.
3.) Es ist aus der Literatur bekannt, dass aufgrund der leichteren Verfügbarkeit und aufgrund von wirtschaftlichen Interessen in einem solches Modell apparativ-diagnostische Leistungen massiv ausgeweitet werden. Außerdem tendieren die Patienten in Unkenntnis der Daten über Health Outcomes dazu, vermehrt die sekundärmedizinischen Versorger sprich die Fachärzte in Anspruch zu nehmen.
4.) Durch ein nebeneinander von Spezialisten und ÄFAs - u.U. in einer gemeinsamen Betriebsform - entsteht auf Letztere ein subtiler, aber sehr starker Druck, das entsprechende Beratungsanlässe bzw. Patienten zur spezialistischen Diagnostik und Betreuung zugewiesen werden. Die Themenzentrierung würde weg von der patientenzentrierten Arbeitsweise und hin zu diagnoseorientierten Medizin gehen. Abläufe würden noch mehr im Vordergrund stehen.
5.) Das von der letzten Gesundheitsministerin immer wieder "beklagte" Problem, dass die niedergelassenen Ärzte oft nicht verfügbar sind, da die Kassenpraxen in Österreich nur wenige Stunden geöffnet hätten, besteht aus meiner Sicht nicht. Dies kann wie folgt begründet werden: Das System der Versorgung im niedergelassenen Bereich auf Rechnung der sozialen Krankenversicherung sieht vor, dass die Patienten/Patientinnen bei allen dringlichen Beschwerden oder Anliegen jederzeit alle anderen anwesenden Vertragsärzte (ÄFAs) unter dem Titel "Erste Hilfe wegen Nichterreichbarkeit" in Anspruch nehmen können. Insbesondere im städtischen Bereich sind damit für alle Patienten tagsüber ständig ÄFAs mit Kassenvertrag verfügbar.
Zusammenschluß „gleichfärbige“ Ärzte/innen in gemeinsamer Praxisform
Aus Sicht der niedergelassenen Ärzte mit Kassenvertrag wäre es höchst an der Zeit, dass sich „gleichfärbige“ Ärzte – also z.B. mehrere ÄFAs, mehrere Orthopäden, etc. – in einer gemeinsamen wirtschaftlichen Organisationsform zusammenschließen können. Dies ist derzeit für Kassenärzte nicht möglich. Bei massive gestiegenen administrativen Belastungen und fachlichen Ansprüchen könnten sich Ärzte so gegenseitig entlasten und die erforderlichen Freiräume schaffen.
Mit besten Grüßen und Hoffnung auf eine Erweiterung der Diskussion um die oben genannten Aspekte verbleibt
Wolfgang Spiegel Jänner 2009
Dr. Wolfgang Spiegel, niedergelassener Allgemeinarzt
Assistent an der Abteilung Allgemeinmedizin, Zentrum für Public Health
Medizinische Universität Wien
E-mail: wolfgang.spiegel@meduniwien.ac.at
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